Nachhaltigkeitsleitfaden HH
4.3 Anforderungen an den Product Carbon Footprint (PCF) bzw. eine Treibhausgasneutralität – PDF-Seite 58
58 – Anforderungen an die ökologische Nachhaltigkeit
es lassen sich in der Praxis aus einem CCF eines Unternehmens keine Aufteilungen auf die verschiedenen PCFs ableiten.
Diese Aussagen sind ohne weitergehende Konkretisierungen darüber, „was“ hier eigentlich als neutral bezeichnet wird und „wie“ diese Neutralstellung erreicht wurde, problematisch, und die Wettbewerbszentrale hat in der jüngeren Vergangenheit vermehrt entsprechende Werbeaussagen zur Klimaneutralität beanstandet.
Umsetzung in der Beschaffung
1In Würdigung der vorstehend skizzierten Zusammenhänge gilt für die umweltorientierte öffentliche Beschaffung: Solange es für die Gruppe der zu beschaffenden Produkte keine spezifischen PCF-Berechnungen oder breit und einheitlich angewendete Re gelungen (Product Category Rules) gibt – und dies ist derzeit bei der ganz überwiegenden Zahl der Produkte der Fall – so können PCF-Werte nicht als vergleichbar betrachtet und damit rechts sicher für Beschaffungsentscheidungen herangezogen werden.2Das Vorliegen eines PCF-Wertes selbst ist also noch kein Beleg für eine Klimafreundlichkeit des entsprechenden Produktes.
1Zum Hintergrund: Der Begriff der Treibhausgasneutralität erfüllt aktuell in erster Linie die Funktion einer Zieldefinition.2Er definiert einen Zustand, in dem menschliches Handeln wie die Herstellung eines Produkts in Summe nicht zu einem Nettoanstieg der Treib hausgasemissionen in der Atmosphäre führt.3Dies kann auf der einen Seite durch die Vermeidung und Reduktion von Treibhaus gasemissionen erreicht werden, auf der anderen Seite durch den Entzug von Treibhausgasemissionen aus der Atmosphäre.
Begriffe wie „Treibhausgasneutralität“, „Klimaneutralität“, „CO2- Neutralität“ und „Netto-Nullemissionen“ werden im täglichen Sprachgebrauch oft synonym verwendet, unterscheiden sich im engeren Sinne jedoch deutlich in ihrer Bedeutung61.
4.3.2 Anforderungen an eine Treibhausgasneutralität der beschafften Produkte
Am Markt wird (derzeit noch) für zahlreiche Produkte mit dem Umweltargument „klimaneutral“, „CO2-neutral“ oder vergleich baren Begrifflichkeiten geworben.
161 Der Begriff „Klimaneutralität“ (engl.2„climate neutrality“) beschreibt laut dem IPCC Special Report: Global Warming of 1.5 °C (SR15) einen „Zustand, in dem menschliche Aktivitäten keine Nettoauswir kung auf das Klimasystem haben“ (IPCC, 2018, S. 545).3Dies umfasst den gesamten Einfluss des Menschen auf das Klimasystem, d. h. neben dem Ausstoß von Treibhausgasen auch weitere biogeophy sikalische Einflüsse wie beispielsweise Veränderungen der Landoberfläche oder die zusätzliche Treibhauswirkung durch Flugreisen in großer Höhe.4Der Begriff ist jedoch insgesamt schwer greifbar und umstritten, weshalb er im aktuellen IPCC Sixth Assessment Report (AR6) nicht aufgenommen wurde (Reimer; Staud, 2021). - „Treibhausgasneutralität“ (engl.5„greenhouse gas neutrality“) lässt sich in der Praxis besser eingrenzen und messen.6Laut IPCC AR6 ist der Begriff im Grunde gleichzusetzen mit „Netto-Null-THG-Emis sionen“ (engl.7„net zero GHG emissions“), d. h., dass über einen definierten Zeitraum betrachtet durch den Menschen verursachte Treibhausgasemissionen (z. B. in Bezug auf ein Produkt oder ein Unter nehmen) durch den Entzug von Treibhausgasen aus der Atmosphäre („Negativ-Emissionen“) ausgeglichen werden (IPCC, 2021, S. 2232). - Eine „CO2-Neutralität“ (engl.8„carbon neutrality“) oder „Netto-Null-CO2-Emissionen“ (engl.9„net zero CO2 emissions“) folgt demselben Prinzip der Treibhausgasneutralität, jedoch werden hierbei im engeren Sinne lediglich die Kohlenstoffdioxid-Emissionen betrachtet und andere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas ausgeschlossen (IPCC, 2021, S. 2221).